Wien, 18.3.09 (KAP) Eine christlich-muslimische Begegnung "der besonderen Art" fand im Wiener Stephansdom statt: Auf ausdrücklichen Wunsch von muslimischer Seite führte die Wiener Diözesanarchivarin Annemarie Fenzl eine Gruppe von 25 muslimischen Studierenden der Religionspädagogik rund drei Stunden durch den Stephansdom. Es sei eine "offene und von wohlwollendem Interesse" geprägte Begegnung gewesen, so Annemarie Fenzl im Gespräch mit "Kathpress". Beeindruckt habe sie das detaillierte Wissen der jungen muslimischen Besucher über das Christentum.
Zu den Stationen der Führung zählte u.a. das Grab Kardinal Königs in der Unterkirche. Sie habe die Führung als Beitrag zur Verständigung der monotheistischen Religionen "ganz im Geiste Kardinal Königs" angelegt, sagte Annemarie Fenzl. Die Persönlichkeit Kardinal Königs sei den muslimischen Studierenden wohlbekannt gewesen. Besondere Zustimmung habe sie für den von Kardinal König stammenden Hinweis geerntet, dass Christen und Muslime nur durch die Überwindung der gegenseitigen Ängste und Vorurteile zu einem besseren und friedvollen Miteinander finden können. Eine Erweiterung des Wissens über die Religion des jeweils Anderen sei da ein wesentlicher Schritt. Die Domführung sei auch für sie selbst "eine spannende Bereicherung"
gewesen, da sie durch die Fragen der muslimischen Studierenden den Dom "mit ganz anderen Augen" kennengelernt habe, so die Diözesanarchivarin.
Großen Zuspruch fand unter den Studierenden vor allem ein Zitat Kardinal Königs, mit dem Annemarie Fenzl die Führung eröffnet. Es stammt aus einem Vortrag Kardinal Königs vor dem "Lions Club"
Wien-Europa am 5. Dezember 1994 unter dem Titel "Christentum und Islam - Möglichkeiten und Grenzen eines Dialoges". Wörtlich heißt es in dem Zitat: "Es gehört zu den weitreichenden, die Menschheit belastenden Missverständnissen, dass die drei monotheistischen Religionen - Judentum, Christentum, Islam - untereinander durch geschichtliche Missverständnisse und Vorurteile verfeindet, zerstritten und von einem an der Wurzel sitzenden Misstrauen erfüllt sind...Es ist tragisch, dass diese drei ganz klar monotheistischen Religionen, für die es keine Parallele in der Religionsgeschichte der Menschheit gibt, ihre gemeinsame religiöse Basis noch immer nicht sehen. Denn gerade heute sollten sie sich gemeinsam einsetzen für Völkerverständigung, Gerechtigkeit und Frieden. Und das alles im Namen des einen, einzigen Gottes, des Schöpfers des Universums und des Menschen, der nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen ist".
Interreligiöse Führungen
Im Gespräch mit "Kathpress" kündigte Annemarie Fenzl an, dass sie gemeinsame interreligiöse Führungen im Stephansdom für Christen, Juden und Muslime erwäge. Es gebe zahllose Gemeinsamkeiten in den drei monotheistischen Religionen, denen sich auch im Stehpansdom nachspüren lasse. Solche Führungen könnten helfen, "den anderen besser zu verstehen und Gemeinsamkeiten zu erkennen", so Fenzl.
Über die wechselvolle Geschichte der Juden im Spiegel des Wiener Stephansdoms hat Fenzl bereits eine eigene Führung konzipiert. Den Stephansdom dabei als "christlich-jüdisches Denkmal" zu begreifen, sei insbesondere für Christen "nicht ganz einfach". Orte, an denen dieses schwierige Thema in besonderer Weise greifbar wird, sind etwa die Barbarakapelle mit ihrem spätbarocken Kruzifix, in dessen Fuß zwei mit Asche aus Auschwitz und Mauthausen gefüllte Kapseln eingelassen sind, die Reliquienkammer und das Hauptportal des Domes.
(ende)
18.03.2009 13:48
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